Musik ohne Netz und doppelten Boden

2010 führte Michael Kuhlmann anlässlich UNerHÖRT – Das Konzert ein Interview mit Gunda Gottschalk, die nicht nur am Konzert teilnahm, sondern auch vorbereitende Workshops geleitet hat. Heute wollen wir euch das Interview präsentieren und im Anschluss noch ein paar Fotos aus dem Konzert zeigen.


Gunda Gottschalk und Günter „Baby“ Sommer
improvisieren mit Krefelder Amateurmusikern

Ein Beitrag von Michael Kuhlmann

Schon seit mehreren Jahren treffen sie sich alle paar Monate im Krefelder Werkhaus: ein Kreis Amateurmusiker, die sich nicht auf Noten oder starre Regeln stützen, sondern die spontan aus dem Bauch heraus miteinander spielen. „Freie Improvisation“ nennt sich das. Da mischen sich die Klänge von Saxophonen und Posaune mit dem Akkordeon, der E-Gitarre und den Geräuschen der Baßklarinette. Alles ist erlaubt; allerdings verlangt es viel Arbeit, bis die zehn bis zwölf Musiker zu einem Miteinander finden – zu einem Miteinander nach ihren ureigenen Regeln. Der Krefelder Musiktherapeut Gerd Rieger hat die Initiative ins Leben gerufen; er hat schon mehrfach Improvisationsprofis aus der ersten Liga in Deutschland dafür gewonnen, für die Krefelder Musiker Workshops zu veranstalten – und sich auch mit ihnen auf die Konzertbühne zu stellen. Am kommenden Montag werden das die Wuppertaler Geigerin Gunda Gottschalk und der Dresdner Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer tun. Gunda Gottschalk wird den Krefelder Musikern schon am Sonntag auf einem Workshop Tips geben; und bei einem Gespräch in ihrer heimischen Wohnküche wirft sie einen Blick voraus.

M.K.: „Frau Gottschalk, Sie spielen schon seit Mitte der 1990er Jahre improvisierte Musik, gehörten zum engsten Kreis um eine Zentralfigur der europäischen Szene, den verstorbenen Bassisten Peter Kowald. Was haben Sie dort mitgenommen, was man nun in Krefeld weitergeben könnte?“

Gunda Gottschalk: „Es war die Begegnung mit Improvisationsmusikern, die mit ihrer Person für etwas geradestehen. Die ihre Persönlichkeit einbringen. Das habe ich an Peter Kowald sehr bewundert: Man konnte immer hören, was in ihm vorging und wo er hinwollte.“

M.K.: „Wenn ein einzelner so spielt, kann schlüssige Musik herauskommen. Beim Krefelder Workshop findet sich ein rundes Dutzend Musiker zusammen. Wie können die sich denn sinnvoll zusammenraufen?“

G.G.: „Sobald es eine Gruppe ist, ist das Moment der Kommunikation ganz wesentlich für mich. Heutige Elektronik-Musiker mit ihren Laptops sagen zwar oft: ‚Wir lassen unsere Sachen auf der Bühne gleichzeitig nebeneinander her laufen, es wird nicht kommuniziert.’ Für mich aber ist es immer noch eines der wesentlichen Momente des Musikmachens, etwas gemeinsam zu tun und gemeinsam zu erfahren. Daß man sich auch bewußt macht: Der eigene Klang entfaltet sich im Raum, und dort mischt er sich mit anderen Klängen. Man hat eine Verantwortung für das Ganze – nicht nur für das, was man selber spielen will. Wichtig ist auch, daß man beim Interagieren verschiedene Rollen einnehmen kann. Das übe ich sehr gerne: daß man aus der Gruppe heraustreten kann. Allerdings: Bevor man loslegt, muß man sich diese Rollen bewußtmachen.“

M.K.: „So ohne Leitplanke zu musizieren, sind allerdings die meisten überhaupt nicht gewohnt. Wie hoch ist die Hemmschwelle bei ihren Schülern, bei ihren Workshopteilnehmern?“

G.G.: „Manchmal schon recht hoch. (Lacht.) Gerade Leute mit einer extrem guten Ausbildung, technisch super-versiert, die haben öfters Probleme, das loszulassen, was sie da alles gelernt haben. Natürlich können sie das auch hier brauchen als Gestaltungsmittel. Aber Virtuosität wird ja in der Improvisation noch mal ganz neu definiert. Deswegen ist das nicht leicht! Aber: Wenn sie es schaffen, diese Schwelle zu überwinden, empfinden viele das als eine große Befreiung. Ich glaube, das ist eigentlich für viele Musiker gut, so was zu machen.“

M.K.: „Woher kommen die Musiker in Ihren Workshops – eher aus dem Pop, dem Jazz, der Klassik?“

G.G.: „Das hängt davon ab, wen die Organisatoren ansprechen. Ich hab z.B. Workshops für klassische Streicher gegeben – das ist dann eher akademisch, die haben einen ähnlichen Hintergrund wie ich. Manchmal sind’s auch Pädagogen, die wollen ihre Bandbreite erweitern. Und manchmal sind es auch Leute, wie ich sie in Krefeld treffen werde: Die bringen schon Erfahrung im Improvisieren mit und wollen sich noch mal neue Anregungen holen.“

M.K.: „Welche Anregungen können die Krefelder Musiker da erwarten – woran werden Sie beim Workshop arbeiten?“

G.G.: „Ich bin darauf angesprochen worden, daß die Teilnehmer an frühere Workshops mit Musikern aus der Improvisationsszene anknüpfen wollen. Unter wollen sie etwas wissen über Improvisationszeichen, die wir uns im Orchester geben. Aber der Workshop soll noch mehr enthalten. Wir wollen Kommunikationsstrukturen erarbeiten in der Gruppe. Ich werde Übungen zur Sensibilisierung des Hörens initiieren – Hör-Aufgaben stellen. Und auch verschiedene Ansätze der Improvisation beleuchten. Man kann in Formen denken, man kann aber auch ganz frei rangehen. Gerade dafür braucht man dann eine sehr große Wachheit für den Moment.“

M.K.: „Für den Montag ist ein Konzertabend angesetzt – mit Ihnen und dem Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer; aber auch die Workshopteilnehmer sollen Beiträge liefern. Musik mit vollem Risiko – was tun, wenn etwas schiefgeht?“

G.G.: „Am schönsten ist es nun mal, wenn es sich wirklich ganz frei entwickelt. Dann muß ich mir notfalls auch mal eingestehen können, zu sagen: ‚Ich weiß jetzt gerade nicht, wie’s weitergeht!’ Und muß das dann auch auf der Bühne machen – die Musik zum Stillstand bringen! Wenn dieser Stillstand tatsächlich zugegeben wird, dann – so hab ich die Erfahrung gemacht – wird es danach immer interessanter.“


Informationen über Gunda Gottschalk auf ihrer Webseite: Gunda Gottschalk


Und hier nun wie versprochen die Fotos aus dem Konzert.

Unsere Workshops im zweiten Halbjahr:

10 Jahre UNerHÖRT

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