Das allererste Mal

Wundervoll geeignet erschien den Werkhäuslern das in der 12. Story beschriebene brachliegende Gelände auf der Dießemer Straße für eine Märchen-Spiel-Aktion mit dem Titel „Fabelwelt-GIGANTEN & Gnome“. Mit der Konzeption sollte auch die Herrichtung zum Spielplatz vorangetrieben werden und auf Nutzungsmöglichkeiten der noch relativ intakten Gebäudeteile als Kinder- und Jugendzentrum hingewiesen werden. Gefördert vom Fond Soziokultur begann eine 20-köpfige Projektgruppe – unter Einbeziehung von Kindern der sog. „Kleinen offenen Tür“ im Werkhaus – im März 1990 mit Planungsvorarbeiten und dem gestaltenden Bau von fantastischen Großobjekten, Requisiten und Kulissen aus der Märchenwelt. So z.B. kreierte die damalige Jugendkunstschul-Leiterin, Inge Scholten-Fest († 2019), gemeinsam mit Helfern ein riesiges rosarotes Einhorn aus Schaumstoff, das kaum durch die Türe passte. Dann galt es, das Areal bespielbar herzurichten und mit den vorbereiteten Requisiten auszustatten. Geschafft, nach einer Woche intensiver Arbeit stand das Märchenwelt-Ambiente und war bereit für die zu erwartenden Besucher!

Die kamen dann auch in der zweiten Aktionswoche ab dem 25. Juni, und zwar zu Hauf.

Zum ersten Mal konnten die Kinder und deren Eltern nun den Platz als Spielort nutzen, auf dem es augenblicklich turbulent und wuselig herging. Zum ersten Mal konnte jetzt auch ein Teil der Halle und das kleine Wohnhaus für Spielangebote genutzt werden.

Durch ein Tunnelgebilde, dem „Nadelöhr“ und dem angrenzenden, labyrinthhaft angelegtem „Zauberwald“ mit übergroßen Insekten und einem grausigen Riesen bestückten Brombeergebüsch gelangten die Besucher zum „Spukschloss“, in dem eine monströse Spinne wachte. Super Drehort für gespenstische Gruselfilme. Überall wehten bunte Fahnen zum Schmuck und drehten sich beträchtlich große Windmühlen. In „Gnom City“, in der Nähe des Einhorns, werkelten die Einwohner an Papphäusern und eine Schlosskulisse, für das mit Helmut Wenderoth (heute Kresch Theater) eingeprobte kleine Theaterstück, wuchs empor. Mit viel Beifall kam es zur „Welturaufführung“ des Stücks. Zwischendurch traten auch Gastspielgruppen auf, der Eintritt war, wie bei der gesamten Aktion üblich, frei. Nass ging es im Pool, dem „Zaubersee“ zu. Schminkaktion, eine Schneiderei, Holz- und Tonwerkstatt durfte nicht fehlen. Vor dem „Knusperhexenhaus“ bildeten sich lange Schlangen. Alle wollten zur verkleideten „Wahrsagerin“ Monika Vehreschild (heute noch im Vorstand des Werkhaus e. V. tätig) in die geheimnisvolle Hütte mit beleuchteter Glaskugel. Ausruhen konnten sich kleine und große Gäste unter einem gewaltig großen Fliegenpilz. Verpflegung und „Zaubertrank“ erhielten die Besucher in der „Hexenküche“ im „Merlinhaus“. Ständig passierte irgendetwas in der fabelhaften Welt des Spiels und die Märchenwelt nahm immer mehr Gestalt an.

Auch der damalige Oberbürgermeister Willi Wahl († 2019) betrat das Areal zum ersten Mal. Er meinte begeistert: „Ich finde das toll hier, hier ist wenigstens was los. Hier ist ein Spielplatz, wo Kinder so spielen können, wie es ihnen gefällt. Nicht an vorgegebenen Dingen, sondern mit eigener Kreativität.“ Im „Schöner Sonntag“ (28.06.90) schrieb Heike Knispel (heute beim WDR): „Und wenn man dann wieder auf die Dießemer Straße tritt, fragt man sich ‚War es ein Traum oder Realität?‘ Doch ein buntes Plakat und das unüberhörbare Kinderlachen zeugen davon, dass es die Welt der Giganten und Gnome wirklich gibt. Mitten in Krefeld, direkt hinter der Mauer zwischen den Brombeerbüschen!“

Der marode Charm des Geländes musste dem Spielplatzbau geopfert werden. Offiziell eröffnet wurde der Spielplatz erst rund drei Jahre später am 27.03.1993. Seitdem bereichert er das Viertel um einen schönen Ort der Begegnung. Nur die aus Stein errichteten Gebäude konnten stehen bleiben und später zum Kinder- und Jugendzentrum SpieDie umgebaut werden.

Eine fast gleichnamige Aktion, mit anderer Intention und anderem Konzept, wurde im Sommer 2012 noch einmal vom SpieDie-Team durchgeführt. Also nicht verwechseln. Die allererste vielbeachtete Spielaktion auf dem Platz fand schon 1990 statt.


Geheimes SpieDie ist eine Geschichten-Reihe von Helmut Boeck, langjährigem Mitarbeiter des Werkhaus e. V. und ehemaligem Leiter des SpieDie- Er erinnert sich und lüftet „Geheimes“, macht in lockerer Berichterstattung Verborgenes sichtbar. Wer noch weitere Geschichten auf Lager hat, kann sich bei uns melden.

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