27. Grüner Salon Krefeld: China und Europa – Reinhard Bütikofer im Südbahnhof Krefeld

Der Grüne Salon der Heinrich-Böll-Stiftung wird in Krefeld in Kooperation mit dem  Werkhaus e. V. durchgeführt und von der AG Grüner Salon Krefeld gestaltet. Seit 2012 hat er sich zu einem zentralen Forum politischer Debatten entwickelt. 
Als offener Raum für Austausch und politische Bildung bietet er fundierte Gespräche zu aktuellen gesellschaftlichen und geopolitischen Themen. Auch der jüngste Grüne Salon Krefeld im Südbahnhof zeigte eindrucksvoll, welche Bedeutung sowohl das Format als auch der Ort für politische Bildungsarbeit hat.

Ricarda Stamms und Reinhard Bütikofer im Gespräch

Im Mittelpunkt des Abends stand der ausgewiesene China-Experte Reinhard Bütikofer, langjähriger Europaabgeordneter, ehemaliger Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen und früherer Vorsitzender der China-Delegation des Europäischen Parlaments. Das Gespräch führte Ricarda Stamms, Ostasien-Wissenschaftlerin und Mitglied im Team des Grünen Salons Krefeld, die erstmals die Moderation übernahm. Dank ihrer fachlichen Vernetzung konnten zahlreiche China-interessierte Gäste aus ganz unterschiedlichen Bereichen gewonnen werden.

„Die Gespräche über China werden zunehmend komplexer und emotionaler – genau deshalb brauchen wir Räume wie den Grünen Salon, in denen informiert, kritisch und zugleich respektvoll diskutiert werden kann.“ – Ricarda Stamms, Ostasien-Wissenschaftlerin und Moderatorin des Abends

Bütikofer zeichnete im Gespräch die politische Entwicklung Chinas unter Xi Jinping nach – eine Entwicklung, die er als Wandel vom Autoritarismus hin zu einem zunehmend totalitären System beschreibt. Unterlegt wurde seine Analyse durch persönliche Erfahrungen aus Begegnungen mit Vertreter*innen der chinesischen Führung ebenso wie aus Gesprächen mit Akteuren der Zivilgesellschaft. Deutlich warnte er vor Naivität im Umgang mit China, das seine Politik vorrangig an eigenen strategischen Vorteilen ausrichte, betonte jedoch zugleich die Relevanz gesellschaftlicher Kontakte und Dialogformate.

Ein Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf Chinas internationalen Ambitionen. Während der chinesische Begriff einer „multipolaren Weltordnung“ zunächst konstruktiv klinge, zeige sich in der praktischen Umsetzung ein starkes Machtstreben in der eigenen Interessenssphäre – oftmals zulasten kleinerer Staaten. Besonders mit Blick auf Taiwan hob Bütikofer hervor, wie wichtig es sei, den gegenwärtigen Status quo zu stabilisieren und eine militärische Eskalation zu verhindern.

Die Diskussion spannte einen thematisch breiten Bogen: von Chinas Rolle in der globalen Klimapolitik über die strategische Positionierung Europas bis hin zur Frage, wie Deutschland angesichts wachsender geopolitischer Spannungen eigene China-Kompetenzen stärken sollte. Auch forderte Bütikofer eine deutlich fundiertere Auseinandersetzung mit den politischen Narrativen, Interessen und historischen Prägungen Chinas – sowohl in Politik und Verwaltung als auch in Wissenschaft und Wirtschaft.

Besondere Aufmerksamkeit galt der wirtschaftlichen Dimension. Trotz geopolitischer Risiken investieren deutsche Unternehmen weiterhin stark in China. Bütikofer plädierte daher für einen realistischen, risikobewussten Kurs: keine Abkopplung, aber klare Diversifizierung, um strategische Abhängigkeiten zu vermeiden.

AG Grüner Salon Krefeld mit Reinhard Bütikofer (v.l.n.r.): Anja Jansen, Johann Heller-Steinbach, Ricarda Stamms, Harry von Bargen, Reinhard Bütikofer, Thyll Dammer, Georg Dammer, Dietmar Meinel

Der Krefelder Südbahnhof bot einen idealen Rahmen für den Abend: offen, niedrigschwellig und gut erreichbar. Mit über 70 Teilnehmenden erreichte der Grüne Salon Zahlen wie zuletzt vor der Pandemie – ein Erfolg, der auf eine gelungene Mischung aus prominenter Besetzung, zielgruppenorientierter Öffentlichkeitsarbeit und wachsendem Interesse an geopolitischen Fragestellungen zurückzuführen ist. Bemerkenswert viele Gäste nahmen erstmals an einem Grünen Salon teil.

Zum Abschluss berichtete Bütikofer über die Aufhebung seines einstigen Einreiseverbots nach China – ein Vorgang, den er weniger als persönlichen Triumph denn als politische Randnotiz einordnete, der jedoch die Notwendigkeit eines ehrlichen und zugleich kritischen Dialogs unterstreiche.

Die Veranstaltung endete mit zahlreichen weiterführenden Gesprächen und dem klaren Wunsch nach Fortsetzung der Reihe.
Das kürzlich um drei Personen erweiterte Team des Grünen Salons sieht sich bestärkt darin, auch künftig Räume für offene, fundierte und konstruktive Debatten zu schaffen und war sich einig, dass dieser Grüne Salon ein echtes Highlight war: lebendig, gut informiert, kontrovers – und getragen von einem Publikum, das wirklich etwas wissen wollte.“

Der Grüne Salon ist ein Format der Heinrich Böll Stiftung NRW in unterschiedlichen Städten

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