Relevanz für die Gegenwart

Das war ‘ne heiße Märzenzeit – Gedichte zu Deutschen Revolutionen

Ein Plattenspieler, Schallplatten in Regalen, Bilder und Bücher waren die Requisiten im Bühnenbild, das Wolfgang Reinke (Lyriker, Rezitator, Mitglied im Verband deutscher SchriftstellerInnen VS) und Dr. Ingrid Schupetta (Politikwissenschaftlerin, Historikerin, Gründungsleiterin der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld) für die erste Veranstaltung der Reihe „Lyrik und Politik“ entworfen hatten.

Ankommende Besucherinnen und Besucher brachten Blumen und blühende Zweige – es ist ja Märzenzeit. Andere hatten Schallplatten und CDs mitgebracht, die zu den vier ausgewählten „Revolutionen“ passten. Mehrheitlich waren es Tonträger, die die eigene Biografie spiegelten, beispielsweise von den Sängern Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader, Ton, Steine, Scherben und – es gab auch wenige jüngere Besucher – Reggae, Punk und Rap-Aufnahmen.

So kam es schon vor dem Bühnengeschehen zu lebhaften Gesprächen und auch das Programm selber war so voll mit Inhalten und Informationen – es wurden auch einige Jahrhunderte umrissen – so dass die Veranstaltung selber zu den längeren Darbietungen im Südbahnhof gezählt werden kann. Gehen wollte niemand, dafür war das Dargebotene zu interessant und kurzweilig. Dr. Ingrid Schupetta und Wolfgang Reinke bewiesen sich als eingespieltes Team.

Zu der ersten Sektion gab es eine ausführliche Einleitung durch Dr. Schupetta. Es war nicht davon auszugehen, dass die Teilnehmenden die Vorgänge von der Französischen Revolution, den Befreiungskriegen, dem Wiener Kongress, den Karlsbader Beschlüssen und der Repression bis zur Märzrevolution insgesamt präsent waren. Allerdings sind die Gedichte von Herwegh, Freiligrath und Heine ohne die Kontextualisierung nicht zu verstehen.

Wolfgang Reinke rezitierte anschließend die Gedichte, die sich auf den Zeitraum des Vormärzes bis etwa 1850 bezogen. Eine kurze Diskussion entspann sich an der Frage, warum zu diesem Zeitpunkt die Frauen in der Öffentlichkeit, also auch der Lyrik, so gar nicht präsent erscheinen. In einem anderen Gespräch ging es um das Nachdenken, warum die 1848er-Revolution im öffentlichen Gedächtnis so wenig präsent ist. Nach den Leitfragen der Gesamtreihe könnte eine Revolution, die den Übergang von der Monarchie von Gottesgnaden zu einer konstitutionellen Monarchie einleitete, durchaus eine Ermutigung sein.

Die zweite Sektion wurde von einem kürzeren Info-Teil eingeleitet, da die Kenntnis über die Zusammenhänge des verlorenen Krieges, der desolaten Lage der Soldaten und der Bevölkerung und der Unfähigkeit des Kaisers und seiner Entourage etwas bekannter sind. Die Gedichte von Mühsam, Tucholsky und Kästner gaben beispielhaft Auskunft über die Generation der sehr jungen Soldaten und der Verarbeitung der Kriegserlebnisse. Auf der anderen Seite spiegelten sie auch die Probleme der Sozialdemokratie als einer Partei, deren Kompromissfähigkeit so manchem zu weit ging.

Eine Lesepause wurde wieder zu lebhaftem Austausch genutzt. Das Nachdenken über den Kompromiss, zu viel, zu wenig, zu biegsam zu starr, wurde als sehr aktuell empfunden, gerade was die Lage der Sozialdemokratie heute betrifft.

Der nächste Zeitsprung führte in den Juni 1953 in der DDR. Interessanterweise war es eine gemeinsame westdeutsche Erfahrung – also der Mehrheit der Teilnehmenden-, dass man mit dem offiziellen „Tag der deutschen Einheit“ als Schulveranstaltung wenig anzufangen wusste. Zu sehr war das Andenken durch den Kalten Krieg und den Antikommunismus in der BRD verstellt.

Die ausgewählten Autoren Brecht und Biermann waren den Teilnehmenden bekannt. Nur wenige wussten mit Kunze und Fuchs Verbindungen herzustellen, Ihre kurzen Zeilen konnten jedoch, besonders in der Rezitation durch Wolfgang Reinke, eine Ahnung dessen erzeugen, was Repression in der DDR bedeutete.

Den letzten Block bildete das Konglomerat, das unter der Jahreszahl 1968 zusammengefasst wird: Notstandsgesetze, Vietnamkrieg Studentenprotest, Jugendrevolte, Frauenbewegung und vieles mehr. Zu den Ikonen dieser Zeit gehören auch Frauen (Angela Davis, Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer), nur sind auch noch 1968 die meisten Protagonisten Männer.

Niemand skizziert die Vor-68ger-Zeit in der BRD so einprägsam wie Degenhard. Hier hatte einer der Gäste eine Platte mitgebracht, so dass an dieser Stelle die Original-Interpretation an die Stelle der Rezitation durch Wolfgang Reinke trat. Wie sehr sich das Publikum an die kurze Form gewöhnt hat, zeigte die fühlbare Unruhe, die schon nach wenigen Strophen auftrat. Auch dies schien des Nachdenkens wert.

Dem Bedürfnis nach pointierter Aussage kamen die Autoren Biermann und Fried näher. Es zeigte sich jedoch ein anderes Problem der zeitnahen Lyrik: Neben der subjektiven Bewertung, die dem Genre innewohnt, gibt es noch die Fakten, die sich inzwischen so ganz anders zeigen, als sie sich damals darstellten.

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https://youtu.be/1agsooG7KM4

Die erste Veranstaltung von „Lyrik und Politik“ endete mit einer Hymne der Kinderladenbewegung, dem Baggerführer Willibald. Der Song wurde leider nicht mitgesungen – es bedarf wahrscheinlich einer besseren Vorbereitung -, dafür ist die Thematik der hohen Mietpreise höchst aktuell.

Zusammenfassend lässt sich über die erste Veranstaltung der Reihe sagen, dass die Frage, ob die historischen Gedichte durchaus eine Relevanz für die Gegenwart und die Zukunft haben. Was weiter zu beweisen wäre.

Anja Jansen, die das Projekt für den Werkhaus e.V. mit entwickelt hatte, freute sich nach der Veranstaltung umso mehr über die Projektförderung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen über die LAG soziokultureller Zentren NW, die dieses ambitionierte Experiment, der Rezitation von Gedichten und deren historisch wissenschaftlicher Einbettung, finanzieren half.

Die erste Veranstaltung der Reihe wurde von der Lokalpresse sehr positiv aufgenommen und mehrfach angekündigt. Obwohl Uhrzeit, Ort und Format noch nicht eingeführt waren, war die Veranstaltung gut besucht.

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