Iranisches Filmfestival

Bei einer Kulturwerkstatt im Südbahnhof, die von jungen Iranern gestaltet und unter anderem auch von Exil-Iranern besucht worden war, hatten wir uns verabredet , das iranische Filmfestival „visions of iran“ in Köln zu besuchen. Das Programm war facettenreich und vielfältig und wir hatten die Qual uns für einen Film entscheiden zu müssen.

Wir wählten einen Spielfilm, denn die iranischen Filme sind bekannt für ihre ästhetischen Bilder und gleichzeitig versprach dieser Film über eine Beziehungsgeschichte, auf melancholisch leichte Weise, Einblicke in die Zivilgesellschaft zu erhalten.

„Reza“ hieß das Werk über einen sanften Literaten, der sich von seiner Frau scheiden lässt, obgleich die Beiden noch gut miteinander auskommen und sich weiterhin umkreisen.

In Zeiten angespannter weltpolitischer Lage, und doch an einem schönen, sommerlichen Abend erwartete uns unweit des Rheinufers in Köln ein gut besuchtes Foyer im Filmforum Museum Ludwig. Es war schön, Stimmen aus dem Iran zu hören.

Hier begegneten wir auch gleich dem Regisseur persönlich. Alireza Motamedi. Es war ein aufregender Moment in dieser Atmosphäre einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.

Ein wenig aufgeregt gingen wir in die Filmvorführung und mussten uns erstmal umstellen auf eine für uns ungewohnt lange Filmszene, in der der Protagonist „Reza“ aufsteht und sich anzieht – nur um es sich kurz darauf anders zu überlegen und sich wieder auszuziehen und hinzulegen. Überraschenderweise sah der Darsteller dem Regisseur sehr ähnlich. Wir erfuhren die Auflösung später: Nur mit einem etwas korpulenterem Schauspieler sollte die Rolle des Reza besetzt werden, letztendlich übernahm der Regisseur selbst diese Rolle, was im Nachgespräch zwangsläufig zur Frage des Autobiografischen führte. “Nein,  es lassen sich sicherlich in jedem Werk eines Künstlers biografische Elemente finden. Der Film ist nicht biografisch. Leider legt die Besetzung des Hauptdarstellers durch mich als Drehbuchautor und Regisseur diese Vermutung nahe. Sie ist aber falsch“, sagte Alireza Motamedi.

Zurück zum Film: Der um die 30jährige „Reza“ und seine Frau wollen sich scheiden lassen. Doch verstehen sie sich eigentlich ganz gut. Seine Frau scheint sich nicht wirklich entscheiden zu können, welche Art von neuem Leben sie führen will. Aber auch Reza beginnt, sich umzusehen. Wir erleben ihn mit einer früheren Liebschaft und mit einer neuen Freundin. Der Film erzählt charmant. In den Szenen kommt vor, das die frühere Freundin lieber im Ausland lebt, das die neue Bekanntschaft Christin ist, das die Frau, die sich scheiden lassen will, einen Schwangerschaftstest macht, das die Tanten den Literaten verwöhnen und mehr. Gerade die Dialoge zwischen den Frauen und Reza sprühen vor Wortwitz. Zusätzlich ziehen sich ausdrucksvolle Texte, die Literat Reza über einen Mann schreibt, der zum Sterben zurückgelassen wird, dann aber nicht stirbt, durch die Filmstory.

 Die Szenen haben dazu umwerfend schöne Bilder. Sie spielen in der Wohnung, im Café, in der Landschaft und an einer altertümlichen Mauer mit Weg in Isfahan. In Momenten, in denen kurz anklingen könnte, es sei mit Farben (gelbe, blaue, rote, grüne Farben bei der Kleidung und den Möbeln) und bei Motiven (Moschee, Straßenhändler, Pferde, Flusslandschaft) designt worden, fehlen nötige Unterbrechungen nicht.



In der öffentlichen Diskussion beim Filmfestival erfuhren wir, dass bewusst schöne Bilder für den Film gesucht worden waren. Es wurde diskutiert, ob der Film Beziehungs- und Liebesangelegenheiten aus der Sicht eines Mannes gezeigt hatte. War der ungewöhnlich sanfte Mann, letztendlich doch nicht so einfühlsam, was die Befindlichkeiten der Frauen betraf? Der Regisseur betonte, absichtlich Frauen als Reiterin, Anglerin und Fahrerin dargestellt zu haben. Doch wurde diskutiert, ob dies bei einem Bild geblieben war, denn für manche im Publikum waren die Frauencharaktere verwechselbar geblieben. Befasste sich der einfühlsame Protagonist letztlich doch nur mit sich selbst? Selbst nach der Veranstaltung setzten wir die Gespräche mit immer neuen Aspekten um Gesellschaft und Umwelt (wegen der Angelszenen am Fluss) fort.

Deutlich sichtbar wurde die Suche nach den neuen Frauen-/ Männerrollen, die man entwickeln will, aber noch nicht selbstverständlich verinnerlicht hat. Wie kann man auch bei den Individuellen Verunsicherungen? Und welche gesellschaftlichen und rechtlichen Zwänge wirken? Was bedeutet die Zugehörigkeit zur muslimischen Mehrheitsgesellschaft oder zur christlichen Minderheit? All diese Fragen konnten wir noch bei der Heimfahrt in unserer Gruppe weiter diskutieren, als uns die im Film verdeckten Codes nochmals deutlich wurden.

Uns hat der Film aufgrund seiner schönen Bilder und der wortwitzigen Dialoge sowie der eingebundenen Geschichte des alten Mannes beeindruckt.

„Reza“ hat die Zensur überstanden und kann in ausgesuchten Spielstätten im Iran gezeigt werden.



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