Social Bots – am besten Bewusstsein schaffen

Mit der Veranstaltung am Dienstagabend im Südbahnhof leisteten die Referenten einen wichtigen Beitrag zu politischer Aufklärung

Sind Social Bots Fluch oder Segen? Diese Frage ließ sich auch nach dem Vortrag und der anschließenden Diskussion am Mittwoch, 29.8.2017 im Südbahnhof nicht eindeutig beantworten. Dabei informierten Dr. Lena Frischlich und Dr.-Ing. Christian Grimme zunächst über Wirkung und Funktion von Social Bots. Diese kleinen Programme agieren in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter über Fake-Accounts so, als seien sie Menschen und nehmen entsprechend Einfluss auf die Meinungsbildung. Sie beteiligen sich an Diskussionen, liken und teilen Posts. Mit solchen Mitteln sollen sie unter anderem die US-Wahlen zugunsten von Donald Trump manipuliert zu haben.

Dr. Lena Frischlich, Psychologin

Die beiden Forscher sind Mitarbeiter an dem Verbundprojekt Erkennung, Nachweis und Bekämpfung verdeckter Propaganda-Angriffe über Online-Medien, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. (www.propstop.de).

Frischlich referierte zunächst darüber, wie Propaganda im Allgemeinen funktioniert. „Dahinter steht eine Weltanschauung, die ihre Vertreter und Anhänger für allein seligmachend halten“, sagt sie. „Deswegen schrecken sie nicht davor zurück, andere vorsätzlich und systematisch zu manipulieren. Das kann mit Hilfe von Social Bots geschehen, aber das geht auch mechanisch“ Sie erzählt von zehntausenden von Hausfrauen in den USA, die Trumps Tweeds unermüdlich gelikt und geteilt haben.

Zwei Seiten der Grenzen der künstlichen Intelligenz: Das „intelligente“ Bildbearbeitungsprogram hat bei der Umwandlung des Pferdes zum Zebra auch den Reiter gewandelt – Ein Social Bot erkennt nicht, dass das rechte Foto ein Fake ist.

Verblüfft waren die Zuhörer im Südbahnhof, wie einfach und billig so ein Social Bot herzustellen sei. Das zeigte der Informatiker Christian Grimme an einem Beispiel. Dabei wurde gleichzeitig deutlich, welch enge Grenzen die künstliche Intelligenz hat. „Wichtig ist auch in diesem Punkt Bildung!“ sagte er und forderte bei der Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule, auch über Grundlagen der Programmierung zu unterrichten.

Bei der anschließenden Diskussion unter der Moderation von Harry von Bargen mit den Zuhörern im Südbahnhof wurde deutlich, dass jeder einzelne Bürger, der in seinem persönlichen Umfeld sachlich politische Diskussionen führt, Fake-News entgegen wirken kann, ob sie nun von Social Bots verbreitet werden oder von anderen. Angst hingegen, Social Bots könnten die kommende Bundestagswahl entscheidend beeinflussen, hielten beide Wissenschaftler für übertrieben. „Die Menschen in Deutschland haben ein anderes politisches Bewusstsein als beispielsweise die Amerikaner – das ist besser als Angst“, so Frischlichs Schlusswort. Auch wenn Grimme insgesamt Grund zur Gelassenheit sieht, weist er in seinem Schlusswort noch einmal auf die – für ihn – größte Gefahr hin: Es ist nicht der direkte Einfluss von Fake-News und Social Bot Spam, sondern der Glaube vieler Politiker und Medien, dass das, was sich im Netz abspielt, repräsentativ für die Stimmung der Bevölkerung ist. Und insofern manipulieren massiv eingesetzte Social Bots und trainierte Fan-Clubs die Wahrnehmung der Politiker und Journalisten und damit die Politik.

Hier die Folien der beiden Vorträge, die uns von den Autoren für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt wurden.:

Frischlich_Grimme_SocialBots
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2 Replies to “Social Bots – am besten Bewusstsein schaffen”

  1. Eine wirklich spannende Veranstaltung. Auch für mich als Moderator. Und vor allem anschaulich, weil gezeigt wurde, wie ein social bot entwickelt und istalliert wird. Und wie er wirkt, als sei er aus Fleisch und Blut. Geht einfach, erschreckend enfach.
    Fraglich für mich: kann mensch da wirklich gelassen bleiben? Reicht es, frühzeitig aufzuklären, Medienkompetenz zu vermitteln u.ä.? Sind nicht Verpflichtungen zur Kennzeichnung von social bots nötig, wenn Ja, ist das auch möglich?

    Eines sei an dieser Stelle angekündigt: wir werden uns weiter mit dem Thema beschäftigen, vielleicht schon in Auswertung der Bundestagswahlen.

  2. Meldung first – Wahrheit second
    Für mich ein weiteres totalitäres Missbrauchssystem. Meinungsmachtgehabe wird in Kübeln über uns ausgeschüttet und mühsam erarbeitete journalistisch-ethische Prinzipien werden ausgehebelt. Nicht die Frage nach der Nachprüfbarkeit des Wahrheitsgehaltes macht eine Meldung zum Fakt, sondern die Verbreitungsmacht.
    Das hat uns das Printmedium mit den vier Buchstaben in den letzten Jahrzehnten schon reichlich bewiesen und damit gesellschaftliche Realität geschaffen.
    Gruselig der gelbe Slogan (Bild: Herr L mit nachdenklich gekreuselter Stirn unter Einsatz des Einfingersuchsystems) Digital first – Bedenken second.

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