AZUR – ein persönlicher Rückblick

von Katrin Meinhard

Azur – eine Tanzperformance, ein ÜberwasserTauchen, quer durch die Räume des Südbahnhof in Krefeld

Vom österlichen Besuch am Rheinfall zurück, blicke ich auf die Zeit mit Azur seit dem vergangenen Herbst. In uns Tanzenden brodelt und fließt es noch stets, wie ein Fluss, der mal still seine Wege durch die Landschaft zieht, mal aufschäumt wie der Rhein bei Schaffhausen, der mit Getöse, Kraft und sprühender Energie sich durch Felsen hindurch bricht und über Steinstufen hinabfällt. Da taucht das Bild eines jungen Mannes auf, der sich auf den Treppenstufen des Südbahnhofes langsam, kraftvoll, geschmeidig fließend und springend bewegt. Ein Wasserfall im Südbahnhof. Am 7. April floss er wie Aufregung, Energie und Begeisterung durch alle Räume vor Ort.

Da war das Kreischen, Kichern Springen und Schwimmen vom Freibad, das Bibbern einer nassen Frau im Wartesaal, der Blick vom Steg auf ein quirliges Wasserduett von zwei jungen Frauen und vieles mehr zu erleben.
Drei Teile einer Tanzperformance waren in einem halbjährigen Prozess unter Leitung von Andreas Simon entstanden, entsprungen aus der Idee zum Thema „Wasser“ generationsübergreifend zu tanzen. Zunächst galt es das Wasser, die Flüssigkeiten im eigenen Körper auf verschiedene Weise zu vergegenwärtigen:
Zu welchen Bewegungen führt mich das Hören auf den eigenen Herzschlag, den arteriellen Puls der in meinem Körper das Blut bis in die Fingerspitzen und Zehen pumpt? Erhalten die Bewegungen eine andere Qualität, wenn ich mich dem venösen Rückfluss des Blutes hingebe?

Eine Stunde stehen und der Gehirnflüssigkeit nachspüren, gehörte genauso zum Erarbeiten der Tänze, wie das stundenlange Taumeln, das entsteht, wenn ich der Gelenkflüssigkeit in Fussknöcheln, Knien, Hüftgelenken, Ellenbogen, Handgelenken, Halswirbeln, usw. freien Lauf lasse. Extrem war auch die Vorstellung, alles Wasser entweicht dem Körper, es fließt heraus, verdampft, der Körper vertrocknet. Was passiert? Bewege ich mich noch? Wenn ja — wie?
Durch diese Stunden mit BMC (Body-Mind-Centering) wurde das Grundmaterial für unsere Tänze erarbeitet, wir konnten gemeinsame Tanzerfahrungen machen und die Einzelnen als Mittänzer*innen kennen lernen.

In einer zweiten Phase wurden daraus Tänze entwickelt. Mit dem Bewegungsmaterial aus den BMC — Stunden gab es Improvisationsaufträge. Mal mit der gesamten Gruppe, mal zu zweit, zu dritt oder auch alleine, je nachdem wer anwesend war oder wer mit wem etwas ausprobieren wollte. Es war die chaotischste Phase. Viele Ideen flossen, das Flussbett aber war nicht vorgegeben. Manches versickerte, anderes verdichtete sich zu einem Tanz, einige Ideen und Tanzelemente nahmen Umwege und tauchten am Schluss wieder auf.

Parallel dazu sind wir tatsächlich schwimmen gegangen, haben getaucht und unter Wasser Fotos und Videos aufgenommen. Da wir als Kostüme helle Kleidung wie Blusen, Hosen oder Röcke verabredet hatten, war auch dies eine besondere Erfahrung. Wir hatten viel Spaß beim Toben, Springen, Tauchen und Kämpfen unter Wasser. Die Ausgelassenheit der Badesessions fand zudem Eingang in die Bade- und Duschszene am Anfang des ersten Teils unserer Performance.

Beim Schwimmen war die ‚Erdenschwere‘ etwas aufgehoben, die Bewegungen im Wasser schwebten. Aus dreistündigem Video-Material schnitten Ben Nowarra und Andreas Simon einen kleinen Film, der als dritter Teil der Performance, unter einem der Bögen des Südbahnhofs projiziert wurde. Wer darunter lag und von unten, sozusagen vom Boden eines Schwimmbades, alles beobachtete, tauchte selbst ein in die Welt des Wassers.

Als Zuschauende selbst etwas zu erkunden gehörte auch zum ersten Teil der Performance, in der jede und jeder selbstständig den Wasserpfeilen folgen und die getanzte Wasserwelt in Räumen, Nischen und dem Tunnel des Südbahnhofes aufsuchen konnte. Gleichzeitig an verschiedenen Orten waren unterschiedlichste Tänze zu sehen, Ein Spaziergang entlang dieser Quellorte offenbarte der einen einen „an die Wand geklatschten Gecko“, der anderen ein Äffchen, das mühelos auf den Felsen (Treppen) sprang. Zurückgeschreckt von der Kälte im Tunnel der Wärmebilder genossen andere die warmen Klänge des Didgeridoo und ließen sich treiben bis zu den harmonischen Melodien von Geige und Klavier und den zugehörigen Tänzen, die wie an einem abendlichen Steg (Podest) zu beobachten waren.

Schließlich nahmen alle Platz für den zweiten Teil: Fluidum – ein gesammeltes Werk auf der Bühne. Hier flossen die verschiedenen Ströme des erarbeiteten Materials aus der zweiten Phase in kleinen Choreografien und Improvisationen zusammen. Es begann mit einem Solo, das überging in eine Gruppenimprovisation auf ein Dada-Gedicht von Hugo Ball, „Seepferdchen und Flugfische“. Erst bei der Generalprobe durften dazu alle auf die Bühne mit der Ermahnung danach: „Und morgen darf nichts so werden, wie es heute war“. Es war dann auch anders und überraschte selbst die Mitmachenden. So blieb es bei vielen Tanzabschnitten spannend, denn festgelegt waren meist keine bestimmten Formen, sondern nur Rahmenbedingungen wie bestimmte Impulse (z.B. ihr manipuliert einander, ihr vertrocknet), Energien (z.B. sich möglichst synchron zu bewegen) oder Fluidqualitäten (z.B. Gelenk-, Gehirnflüssigkeit). Einiges war klarer strukturiert wie der Fischschwarm oder eine Choreografie, die wir Strandgang nannten. Der Schluss des zweiten Teils gehörte den Jugendlichen: ganz langsam, hoch konzentriert kamen sie auf das Publikum zu und nahmen die Zuschauenden ins Visier.

Möglich ist es, dabei an „Fridays for future“ zu denken. Insgesamt wirkten einige Bilder auf manche gruselig, andere waren fasziniert von der Spielfreude, waren berührt, fanden es „einzigartig, wunderschön und gefühlvoll!“
Wer möchte sich da dem Sog des Wassers noch entziehen? Ballubasch? Fasch kitti bimm! 


Azur taucht über Wasser und das Gluckern und Lachen an Quelle und Flusslauf hallt in mir nach.

AZUR ist Teil des Projekts „Wasser ist Leben – Wasser, Meere, Ozeane nachhaltig schützen“ des Werkhaus e.V. und unterstützt die Ziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, verabschiedet am 25. September 2015.

fördert unser Projekt „Wasser ist Leben – Wasser, Meere, Ozeane nachhaltig schützen“

Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

Ziel 6:

Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle gewährleisten

Ziel 14:
Ozeane, Meere, Meeresressourcen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erhalten und nachhaltig nutzen
http://www.bmz.de/de/ministerium/ziele/2030_agenda/index.html

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