Was bisher geschah und was noch kommt, Teil 1

Demokratie ist nicht selbstverständlich. Doch das Rad muss nicht neu erfunden zu werden, um die Welt zu erklären, zu verstehen oder gar zu verbessern. Unter dem Generalthema „Vorwärts, doch nichts vergessen! – Lyrik und Politik.“ entstand ein Projekt anhand der Leitfragen:

Was haben die revolutionären Gesänge der Vergangenheit, die Stimmen der Frauen oder die Erfahrungen der nach-68er heutigen Bewegungen zu sagen?

Können sie für die Zukunft Ermutigung sein? Ist es gut zu wissen, wo man seine Wurzeln hat?
Lassen sich Fehler der Vergangenheit vermeiden?

Dr. Ingrid Schupetta, Politikwissenschaftlerin und ehemalige Leiterin der NS-Dokumentationsstelle Krefeld und Wolfgang Reinke, Lyriker und Rezitor, konzipierten fünf Veranstaltungen. Es begann mit der Lesung

Das war ‘ne heiße Märzenzeit – Gedichte zu Deutschen Revolutionen Vor der Lesung dekorierten die Besucher den Veranstaltungsraum mit Blumen und blühenden Zweigen. Andere hatten Schallplatten und CDs mitgebracht, die die eigene Biografie spiegelten, beispielsweise von den Sängern Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader und Ton, Steine, Scherben sowie aktuelle Reggae-, Punk- und Rap-Aufnahmen.

Inmitten der Blumen und blühenden Zweige, Schallplatten und Plattenspielern machte Dr. Schupetta eine ausführliche Einleitung für die erste Sektion. Es war nicht davon auszugehen, dass die Teilnehmenden die Vorgänge von der Französischen Revolution, den Befreiungskriegen, dem Wiener Kongress, den Karlsbader Beschlüssen und der Repression bis zur Märzrevolution insgesamt präsent waren. Allerdings sind die Gedichte von Herwegh, Freiligrath und Heine ohne die Kontextualisierung nicht zu verstehen.

Wolfgang Reinke rezitierte anschließend die Gedichte, die sich auf den Zeitraum des Vormärzes bis etwa 1850 bezogen. Eine kurze Diskussion entspann sich an der Frage, warum zu diesem Zeitpunkt die Frauen in der Öffentlichkeit, also auch der Lyrik, so gar nicht präsent erscheinen. In einem anderen Gespräch ging es um das Nachdenken, warum die 1848er-Revolution im öffentlichen Gedächtnis so wenig präsent ist.

Die zweite Sektion wurde von einem kürzeren Info-Teil eingeleitet, da die Kenntnis über die Zusammenhänge des verlorenen Krieges, der desolaten Lage der Soldaten und der Bevölkerung und der Unfähigkeit des Kaisers und seiner Entourage etwas bekannter waren. Die Gedichte von Mühsam, Tucholsky und Kästner gaben beispielhaft Auskunft über die Generation der sehr jungen Soldaten und der Verarbeitung der Kriegserlebnisse. Auf der anderen Seite spiegelten sie auch die Probleme der Sozialdemokratie als einer Partei, deren Kompromissfähigkeit so manchem zu weit ging.

Eine Pause wurde zu lebhaftem Austausch genutzt. Das Nachdenken über den Kompromiss, zu viel, zu wenig, zu biegsam zu starr, wurde als sehr aktuell empfunden, gerade was die Lage der Sozialdemokratie heute betraf.

Der nächste Zeitsprung führte in den Juni 1953 in der DDR. Die ausgewählten Autoren Brecht und Biermann waren den Teilnehmenden bekannt. Nur wenige wussten mit Kunze und Fuchs Verbindungen herzustellen, ihre kurzen Zeilen konnten jedoch eine Ahnung dessen erzeugen, was Repression in der DDR bedeutete.

Den letzten Block bildete das Konglomerat, das unter der Jahreszahl 1968 zusammengefasst wird: Notstandsgesetze, Vietnamkrieg Studentenprotest, Jugendrevolte, Frauenbewegung und vieles mehr. Zu den Ikonen dieser Zeit gehören auch Frauen (Angela Davis, Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer), nur sind auch noch 1968 die meisten Protagonisten Männer.

Niemand skizziert die Vor-68ger-Zeit in der BRD so einprägsam wie Degenhard. Hier hatte einer der Gäste eine Schallplatte mitgebracht, die zeremoniell aufgelegt und gemeinsam gehört wurde.
Die Veranstaltung endete mit einer Hymne der Kinderladenbewegung, dem Baggerführer Willibald. Der Song wurde leider, obgleich die „Generation Kinderladen“ anwesend war, nicht mitgesungen, dafür war die Thematik der hohen Mietpreise höchst aktuell.


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