Die Nation hat schlechte Laune

Am 08. September 2020 hatten wir im Rahmen der Ausstellung KULTUR IST TRUMPF zu einem Abend mit Dr. Wolfgang de Bruyn eingeladen. Leider konnte die Veranstaltung nicht durchgeführt werden, da Dr. de Bruyn die Reise hat nicht antreten können.

Wir trauern um Günter de Bruyn, verstorben mit 94 Jahren am 04. Oktober 2020

Umso mehr freuen wir uns, die Skizze zum Vortrag im Virtuellen Zentrum veröffentlichen zu können und danken Herrn Dr. de Bruyn für seine Einwilligung.

Die Nation hat schlechte Laune, Dr. Wolfgang de Bruyn

8. September 2020, Südbahnhof Krefeld

Liebe Gäste,

ehe ich zum eigentlichen Thema komme, muss ich mit einer Vorbemerkung beginnen: Der Besuch bei Ihnen, den ich noch gut in Erinnerung habe, liegt bereits über ein Vierteljahrhundert zurück. Im Herbst 1992 stellten der damalige Landrat unseres Kreises, Dr. Jürgen Schröter, und sein Kulturamtsleiter hier bei Ihnen den Text-Bild-Band Land der stillen Reize vor. Eine Bestandsaufnahme „… nach über vierzig Jahren Kommandowirtschaft“, wie Schröter in seinem Vorwort schrieb. Gleichzeitig wurde der Band zu einem zeitgeschichtlichen Dokument, denn die Kreisneugliederung war beschlossen und der Altkreis Beeskow Anfang 1993 aufgelöst. Das partnerschaftliche Gastgeschenk Ihrer Stadt war natürlich eine noble Krawatte, die ich noch immer besitze. Und nach solch langer Zeit bin ich gewiss, dass Sie mir meine Offenherzigkeit verzeihen, denn als jemand, der Schlipse meidet, hängt diese in ihrer Original-Cellophanhülle immer noch unbenutzt in meinem Schrank.

Doch zurück zum Land der stillen Reize: Neben einem Beitrag über das Königsschloss Kossenblatt unweit von Beeskow, worüber bereits Theodor Fontane in seinen Wanderungen schrieb, verfasste Günter de Bruyn einen kurzen Text, der leitmotivisch nicht nur für den Band, sondern für die Stimmungslage damals in unserer Region steht. Einen Auszug möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: „Auch Dörfer und Städte, Kirchen und stille Winkel, alte Eichen und Feldraine sind Dinge, die irgendwie zu uns gehören, und wenn wir sie nicht nur hinnehmen, sondern genau wahrnehmen, nicht nur wissen wie sie sind, sondern auch wie sie wurden, wissen wir auch mehr über uns selbst.“

Leicht fällt es mir nicht, über meinen Vater zu sprechen, aber als erster Ehrenbürger des Landkreises Oder-Spree und Autor, der weit über die Landesgrenzen Brandenburgs hinaus bekannt ist, ist es natürlich auch für ihn eine besondere Würdigung, neben Gerhart Hauptmann bei Kultur ist Trumpf dabei zu sein. Er lässt Sie sehr herzlich grüßen, aber mit fast 94 Jahren ist es ihm leider nicht mehr vergönnt zu reisen.

Da die Veranstaltung nun hier im Südbahnhof stattfindet, die drei Günter de Bruyn gewidmeten Bildtafeln somit präsent sind, erspare ich mir biographische Angaben, Würdigungen etc. und möchte, wie angekündigt, Auszüge aus dem Kapitel Deutsche Befindlichkeiten aus der erstmals 1991 bei S. Fischer erschienenen Essaysammlung Jubelschreie, Trauergesänge vorstellen, gerahmt von einigen persönlichen Anmerkungen.

Für Berliner (den Begriff Ost-Berliner benutzten wir damals nicht), für die die Metropole noch als Ganzes selbstverständlich war, waren Maueröffnung und Wiedervereinigung ein auch in vielen Belangen schmerzhafter aber doch begrüßter Prozess. Diese besondere politische Einheit Berlin äußerte sich auch darin, dass es für uns als Ost-Berliner üblich war zu sagen, wir fahren in die DDR, wenn wir nach Leipzig, Weimar oder in die Sächsische Schweiz reisten. Ich denke immer noch an den Luftzug der U-Bahnschächte, der irgendwie nach Westen roch, denn die Westberliner U-Bahn fuhr von einem Teil Berlins ohne Halt durch Ostberlin in den anderen. Als Berliner war man viel näher dran an diesen Befindlichkeiten und Absurditäten der deutschen Teilung.

Jubelschreie,Trauergesänge/Deutsche Befindlichkeiten, S. 27-45 (Ausz.)

Die bereits 1945 eingeführte Aufteilung des Gebietes der DDR in fünf Länder war 1952 aufgegeben worden zugunsten der „Bezirke“ mit kleinerem Zuschnitt. Das Land Brandenburg war dadurch namenlos geworden und nach der Wende plötzlich wieder da. Mit dem Text-Bild-Band „Mein Brandenburg“, der 2020 gerade erst wieder neu aufgelegt wurde, hat Günter de Bruyn versucht, diesem Land wieder ein Stück Identität zu geben, Zuversicht und Selbstbewusstsein, dass nach der Wiedervereinigung, die für viele nicht auf Augenhöhe stattfand, und der politisch fatalen Entscheidung Rückgabe vor Entschädigungbitter nötig war.

Mein Brandenburg/Märkische Heide, märkischer Sand, S. 11-26 (Ausz.)

Oft ist Günter de Bruyn nicht nur von den Medien gefragt worden, warum er nicht, spätestens nach der Biermann-Ausbürgerung, wie viele seiner Kollegen in den Westen gegangen sei. Vornehmlich hat das mit der Liebe zur märkischen Landschaft zu tun, einer Landschaft eben der stillen Reize, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. 1967 entdeckt er auf seinen märkische Fahrten (mit Bahn und Fahrrad) ein verlassen-verkommenes Gehöft in Alleinlage an einem Fließ, einem Graben, der lautmalend Blabber heißt. Dieser Ort wird zum Sehnsuchts- und Zufluchtsort, zu einer Art Exil in der DDR. Hier kann er schreiben, denn er hat so ganz unzeitgemäße Kostbarkeiten entdeckt: Abgeschiedenheit, Einsamkeit, Überschaubarkeit und Stille. Diesem beglückenden Lebensort in der Waldeinsamkeit hat er mit knapp achtzig Jahren ein liebevolles Denkmal gesetzt: Abseits

Abseits/Von Liebe und Treue, S. 7-11

Trieb dieser Blabbergraben über einen angestauten Teich bis 1945 noch eine Wassermühle an und konnte mein Vater noch berichten, wie er in den 1970er Jahren Fische mit der Hand darin fing, ist dieser Graben, der über einen kleinen See die Spree speiste, nahezu ausgetrocknet. Abseits insbesondere hat Günter de Bruyn die Wertschätzung der Dörfer und Dörfler eingebracht, die plötzlich ihre scheinbar so triste Region in der Literatur wiederfanden. Da konnte er die Bitte der Bürgermeisterin seines Dorfes nicht ablehnen: „Sie können doch schreiben, sogar Bücher. Sie sind der richtige für unsere Ortschronik.“

Mit 92 Jahren, 2018 also, hat Günter de Bruyn sein vorerst letztes Werk vorgelegt, Ein ländliches Idyll, wie er es im Untertitel nennt. Der neunzigste Geburtstag ist, nach über dreißig Jahren, wieder ein Buch über die Gegenwart und sehr kontrovers aufgenommen worden, weil es sich mit der Flüchtlingsproblematik und dem Satz der Kanzlerin von 2015, „Wir schaffen das“ auseinandersetzt. Eine bewegende Geschichte ist es über eine Zeit, die immer fremder zu werden scheint, über den Wert von Erinnerungen, dem „einzigen Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“. Einer Zeit, in der dauerhaft einzig der Wandel erscheint, Normalität nicht mehr das Bleibende, sondern die Veränderung ist.

Der neunzigste Geburtstag, S. 29-40 (Ausz.)

Vielleicht nehme ich zum Abschluss eine Ihrer Fragen vorweg: Mein `besonderes Buch` von Günter de Bruyn ist 2001 unter dem Titel Unzeitgemäßes. Betrachtungen über Vergangenheit und Gegenwart erschienen. Und hier schließt sich der Kreis zu Jubelschreie, Trauergesänge wieder:

„Als unzeitgemäß wird es schon seit einigen Jahren empfunden, bei dem Gedanken an die Wiedervereinigung der Deutschen Genugtuung oder gar Freude zu zeigen (…) Ich muß also (…) hier das Geständnis ablegen, daß mich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kein historisches Ereignis so angenehm wie die deutsche Vereinigung von 1990 berührt hat und daß diese angenehmen Empfindungen, die sich anfangs als Jubel äußerten, in schwächerer Form andauern, allen Dummheiten, Fehlern, Ärgernissen und Widrigkeiten zum Trotz.“

Vielen Dank.  
Dr. Wolfgang de Bruyn

Das Rahmenprogramm zur Ausstellung KULTUR IST TRUMPF wurde gefördert durch

Die Ausstellung KULTUR IST TRUMPF sowie das Rahmenprogramm wurden im Kontext des Projektes Spaltpilz und Schwedenbecher des Werkhaus e.V. im Südbahnhof realisiert.

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