Nach der Performance ist vor der Performance

Die Auftaktperformance von EXTREMnormal als Grundlage für eine Diskussion im Virtuellen Zentrum des Werkhaus e.V.

Nach der Performance

Wir waren beeindruckt, die Zeit war kurz. Deswegen können wir hier, im Virtuellen Zentrum des Werkhaus e.V. ins Gespräch kommen über unsere Gedanken und Empfindungen. Wir hoffen auf viele konstruktive und persönliche Kommentare.

Eine Performance im Tunnel unter den Bahngleisen

Schon der Ort der Aufführung war etwas Besonderes: Wenn im Tunnel des Südbahnhofs gelesen wird, in dem langen gekachelten Kanal, durch den Reisende früher zum nördlichen Ausgang gelangten, donnert schon mal ein Zug durch die Worte. Das ist zu Anfang extrem, und die Augen richten sich ungeduldig zur Decke. Weil man aber gleichzeitig weiß, dass sich das nicht ändern lässt, reagieren die Akteure schon bald gelassen: Sie machen eine Pause und gewinnen souverän, selbst für unvorhergesehenes. Mein Fazit: Alle Achtung!

Hier meine Eindrücke von den einzelnen Programmpunkten, kurz auf den Punkt gebracht mit der ausdrücklichen Aufforderung an Dich, Deine Meinung ebenfalls kundzutun. Dafür kannst Du die Kommentar-Funktion nutzen.

Auf die Spitze getriebene Normalitäten werden extrem

Jakob Nain: „Junge Aufruhr im Süden“, gelesen von Elias Ordelmans.

Eine Geschichte mit viel Augenzwinkern über Beobachtungen und Begegnungen im Kiosk mit viel Augenzwinkern, lakonisch und knapp. Besonders gut gefallen hat mir folgende Stelle: „niemand kommt vorbei und fragt ihn lächelnd: „Bist du jetzt eigentlich geizig oder einfach nur so geil“. Das werde ich in meinen Alltag einbauen!

Komm Mit Eins Eine normales Szene mit Laura Thomas und Elias Ordelmans

Man spürt die Begeisterung füreinander, die die beiden jungen Menschen beflügelt. Wie „ihre“ Wünsche sprudeln, die sie an eine gemeinsame Zukunft hat. Und wie „er“ darin aufgeht, bis zur bedingungslosen Zustimmung zu jedem einzelnen Detail, mag es auch noch so spießig, verstaubt und unrealistisch sein.

Extrem Nah an der Normalität, Präsentation von Textwerk 14, „Der Hausmeister“ gelesen von Ruth Mensah und Leon Illies, Musik: Martin Hoffmann, Daniel Bogart, mit Laura Thomas als Hausmeister

Da wird genau hingeschaut, wie es einem Menschen geht, der seit Jahren für Sauberkeit und Ordnung sorgt in einem Haus, das im Südbezirk liegen könnte. Hingeschaut und gefühlt. Beispielsweise wie dem Mann das Wasser beim Wischen der Stufen am Arm entlangläuft. Wie er Gedanken an seine große, verflossene Liebe mit dem Schmerz verbindet, den er fühlt, als er seine Kündigung im Briefkasten findet. Genau beobachtet und fein formuliert. Laura Thomas, die ihre rote Mähne schnell unter einer Mütze verborgen hat, verkörpert den Hausmeister perfekt, auch wenn ihre schmale Gestalt nicht ins Bild dieses Mannes passt.

EXTREMnormal Begegegnung von Trommeln und Blockflöte mit Max Kotzmann, drums und Jakob Nain, Blockflöte


Das sind nicht nur zwei Instrumente, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, sondern auch zwei Musiker die ihre Instrumente auf höchst unterschiedlichem Niveau bedienen: Profi Max Kotzmann und Dilettant  (der, der eine Kunst zu seiner eigenen Erbauung ausübt) Jakob Nain. Und trotzdem können sie miteinander spielen! Frappierend, belustigend, erheiternd, schön!

PAUSE und Fragen … was ist für dich extrem, was ist für dich normal

Zwei Tische, zwei Stapel mit Zetteln, jeweils ein Gefäß und ein paar Stifte. In der Pause konnten die Zuschauer aufschreiben, was sie mit den Begriffen verbinden und den Zettel in das Gefäß legen.

Komm Mit Zwei Eine nicht ganz normale Szene mit Laura Thomas und Elias Ordelmans

Wo ist sie geblieben, die Begeisterung für einander und den Willen, jeden Weg zusammen zu gehen. Jetzt sitzt „sie“ in der Ecke und verweigert sich allem, egal wozu „er“ „sie“ begeistern oder animieren will.

Normale Rhythmen Extrem gedacht und gemacht Eine Aktion mit Max Kotzmann

Das ist spritzig und begeisternd, welches Feuerwerk an Rhythmen Max mit zwei Kochlöffeln entfacht. Das ist fast mitreißend. Aber auch als die Rhythmen einfacher werden, klatschen die Zuschauer nicht mit. Wobei Max‘ Gesten eindeutig dazu auffordern. Erst als er anfängt zu stampfen, der Rhythmus also höchst schlicht ist, sind kurzzeitig alle dabei. „Oh je“, denke ich mir, belustigt und alarmiert zugleich.

Ich will normal sein, Szene mit Laura Thomas

Laura hat sich die Zettel aus dem „Normal“-Gefäß geschnappt und liest sie vor. Wobei sie den Begriffen die Worte „Ich will“ voranstellt. Das ist einerseits witzig, denn Lauras Spiel ist abwechslungsreich. Aber es ist auch schmerzhaft. Denn das, was in meinem Alltag die Norm ist, womit ich rechnen muss, das will ich keinesfalls! Vielleicht jemand anderes?

Ich will extrem sein, Szene mit Elias Ordelmans

Elias macht das gleiche mit den Begriffen aus dem „Extrem“-Gefäß. Auch sein Spiel ist abwechslungsreich und witzig. Aber auch hier mein Einwand: Selbst wenn ich kein Problem damit habe, von anderen als extrem empfunden zu werden. Vieles von dem, was da vorgelesen wird, will ICH nicht!

Jakob Nain, Verständigung, gelesen von Laura Thomas

Auch das eine gute Geschichte, diesmal geht es um eine Trennung, um Besserwisserei, um Sehnsüchte, die auf der Strecke bleiben, selbst wenn einer der Protagonisten täglich Strecke macht: in seinem LKW.

Normal EXTREM oder EXTREM normal Eine improvisierte Geschichte …. SPINNT DER KIOSK BEI NACHT Mit Jakob Nain, Laura Thomas und Elias Ordelmans

Jakob beginnt eine Geschichte aus dem Kiosk, Laura und Elias geben ihr durch Zurufe einen Drall – Laura Richtung „Normal“, Elias Richtung „Extrem“. Herzerfrischend und komisch, wie nah das beeinander liegt, mit welcher Geistesgegenwart Jakob innerhalb von Sekunden die Richtung wechselt. Für mich der Höhepunkt, denn vielleicht ist das der Ausweg: Beides für sich beanspruchen, gelassen und souverän das eine wie das andere auspacken und ans Licht holen.

Jakob Nain, Bier wirkt auch hier, gelesen von Ruth Mensah

Eine weitere Geschichte aus dem Kiosk – eine vom Wegwollen?

Wie geht es weiter?

Diese Listen bilden eine Grundlage für die weitere Arbeit am Projekt, das vom Land NRW finanziert wird als Kooperation zwischen dem KRESCH-Theater und dem Werkhaus e.V. und damit zwischen klassischem Theater und Soziokultur. Ziel ist, dass neue Formen, Kontexte und Sichtweisen experimentell aus Sicht der Soziokultur mit künstlerischen Mitteln des Theaters verknüpft, neu sortiert, neu empfunden mit neuen Arbeitesweisen erforscht werden können. „Die Soziokultur ist hier nicht Juniorpartner, sondern setzt Themen und die Rahmenbedingungen, die mit Hilfe des Partners Theater künstlerisch umgesetzt werden sollen“, sagt Georg Dammer, Geschäftsführer des Werkhaus e.V..

Die Zusammenarbeit ist mit diesem Abend nicht beendet. In einer zweiten Phase wird weiter experimentiert und entwickelt. Den Abschluss bildet eine weitere Performance im Frühjahr.

Zwei Listen am Ende: Wovon will ich mehr … wovon will ich weniger

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