Blickwinkel – Touristen in Heimat

Extreme Be-Deutungen und Be-Schreibungen zu scheinbar normalen Orten im Krefelder Süden –

Eine EXTREMnormale Schlenderei –

Jakob Nain, Variation über Italo Calvino, Die Verborgenen Städte 2, S. 158:

Wenn sie an den Weg denken, den wir gegangen sind, dann mögen sie vielleicht denken…

Glücklich scheint das Leben nicht und für die Menschen nicht, in dieser Stadt. Sie ringen die Hände und schimpfen ihre weinenden Kinder aus, erwachen morgens aus bösen Träumen und machen sogleich den nächsten wahr.

Fast kann man von Glück sagen, dass ihre gesenkten Köpfe den vorbei wandernden Fremden vor bösen Blicken bewahren.

Und in den Häusern mag es noch schlimmer sein, man muss sie nicht erst betreten, um das zu erfahren, denn nicht nur im Sommer hallt es aus den Fenstern von Streitereien und zerbrochenem Geschirr.

Und doch kann, wer die Augen öffnet, hin und wieder ein Kind erblicken, das einem Hund zu lacht, der seine kalte Schnauze in eine Einkaufstausche steckt, in der er wohl nichts verloren hat, und dennoch ein Stück Bockwurst zu ergattern sucht. Und dem dann tatsächlich eine Scheibe Schinken vor die feuchte Nase fliegt, die einem Maurer vom Brot gesegelt ist, der von oben auf dem Gerüst „He Süße lass mich mal eintunken,“ zu der Serviererin gerufen hat, die unten ein Tablett mit Cappuccino und dem obligatorischen Glas Wasser zum Frisör hinüberträgt, wo der Uhrmacher ein gutes Geschäft feiert, mit einer neuen Frisur und einem guten Kaffee, weil er dem Polizeikommissar die wertvolle Uhr verkauft hat, mit der am Arm, dieser heute Abend der Dame aus der feinen Gesellschaft imponieren will, die ihm gestern beim Einsatz vielsagend zulächelte und seine Einladung zum Essen per Telefon, Stunden später gerne angenommen hat, zögernd wie sich das gehört und zögernd schminkt sie sich jetzt die Lippen rot, die werden heute abend gut zur Erdbeersauce auf der bayerischen Creme passen, und das wird den Oberkellner zum Lächeln bringen und auf Gedanken.

Das zeigt uns, den flüchtigen Betrachtern: auch durch diese Stadt ziehen sich unsichtbare Fäden, die, und wenn auch nur für Augenblicke, Lebewesen unsichtbar miteinander verbinden, sich verschwimmend lösen und gleichwohl schon im nächsten Augenblick neue Figuren zeichnen, so dass diese scheinbar unglückliche Stadt in jeder Sekunde eine glückliche in sich birgt, die gar nicht weiss, dass sie existiert, als Option in unseren Gedanken.

 

gefördert vom

Ministerium für Familie, Kinder, Jungend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

 

 

über

Teile diesen Beitrag (ggf. AdBlocker anhalten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.