19. Grüner Salon Krefeld zur ‚Erinnerungskultur‘

Spannende Gespräche zu einem schwierigen Thema!

Der bereits 19. Grüne Salon Krefeld widmete sich am 16. September dem Thema Erinnerungskultur. Gemeint war die Erinnerung an Krieg, Faschismus und Holocaust. Die Erinnerung an eine Zeit, an die sich zunächst im Nachkriegsdeutschland nur Wenige erinnern wollten und die heute von gefährlichen Relativierern als ‚Vogelschiss der Geschichte‘ bezeichnet werden darf.

Erinnern im 30. Jahr der deutschen Einheit.

Der Grüne Salon wurde thematisch hineingestellt in die Aktivitäten um die im Südbahnhof durchgeführte Ausstellung KULTUR IST TRUMPF über die Kulturinstitute des Landkreis Oder Spree sowie die Künstlerin Ulla Walter und Matthias Steier. Zahlreiche Gäste aus dem Patenkreis der Stadt Krefeld konnten zu den verschiedenen Veranstaltungen im Südbahnhof begrüßt werden.

Moderator Harry von Bargen als Diskussionspartner hieß zur ersten Gesprächsrunde neben der Leiterin der NS-Dokumentationsstelle Krefeld, Sandra Franz, auch den Fürstenwalder Museumsleiter Guido Strohfeldt willkommen.
Sandra Franz schilderte sehr anschaulich die verschiedenen Etappen einer Erinnerungskultur in der westdeutschen BRD – vom anfänglichen Ablehnen der Beschäftigung mit diesem Thema in der Nachkriegszeit, über den gesellschaftlichen Aufbruch der 68ger-Generation, der zu einem offeneren Umgang mit der Vergangenheit führte, den Einfluß des US-Films ‚Holocaust‘ in den den späten 70ger Jahren bis zu den 80ger und 90ger Jahren, in denen das Gedenken an Holocaust und deutsche Kriegsschuld in die Mitte der Gesellschaft reichten. Eine große Rolle spielten dabei immer die authentischen Berichte der Opfer des Nationalsozialismus. Heute, da aus dieser Generation nur noch wenige am Leben sind, gehe es darum, andere Wege zu erschließen, um die Erinnerung am Leben zu halten.

Aktiviere JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=CJi47BiVaA8&t=2473s
Leider gab es technische Probleme, daher beginnt der Film etwas später in der Veranstaltung

Im Osten blickt man auf eine andere Erinnerungskultur zurück. Guido Strohfeldt berichtete darüber, dass die DDR, die sich als antifaschistischer Staat konstituierte, für sich in Anspruch nahm, das bessere Deutschland zu sein. Die Erinnerungskultur der DDR sei allerdings recht einseitig auf die Erinnerung an und die Verehrung der politischen Widerstandskämpfer orientiert gewesen. Da dies de facto zur Staatsräson gehörte, wurde auch davon ausgegangen, dass es alte Nazis nur in Westdeutschland gebe. Dass dies nicht die ganze Wahrheit war, sei höchst selten öffentlich diskutiert worden, etwa dann, wenn einzelnen DDR-Bürgern Naziverbrechen nachgewiesen werden konnten.

Mittlerweile, 30 Jahre nach dem Fall der Grenze, lassen sich in der Erinnerungs- und Gedenkarbeit West und Ost viele Parallelen finden. Beide Einrichtungen, die Villa Merländer und das Museum Fürstenwalde mit ihren Fördervereinen, arbeiten mit dem Stolperstein-Projekt des Künstlers Gunter Demnig zusammen, beide widmen sich der Arbeit mit Biografien von Nazi-Opfern und beiden ist es ein starkes Anliegen, mit Schulen zusammenzuarbeiten. Und sie sprechen von guten Erfahrungen, viel Interesse und Aufgeschlossenheit bei den Schülerinnen und Schülern.

Letzteres zeigte sich auch in den nachfolgenden Gesprächen des Abends, an dem mit rund 30 Anwesenden das coronabedingt limitierte Stuhlbudget nahezu ausgeschöpft war. Drei Schüler*innen des Moltke-Gymnasiums, Emma Hofer, Annemarie Rixen und Frederik Klaas, berichteten über ihr ganz spezielles Stolperstein-Projekt.
Im Eingangsbereich ihrer Schule befindet sich eine Tafel mit Namen von ehemaligen Moltke-Schülern, die im Nazi-Deutschland verfolgt, deportiert und/oder umgebracht wurden. Jeden Tag geht man an der Tafel vorbei. Emma, Annemarie und Frederik wollen den Namen Gesichter geben. Sie haben die Familiengeschichten und die Schicksale recherchiert, die hinter den Namen stehen. Und wollen diejenigen, für die es bislang keine Stolpersteine gibt, mit diesen Nachdenk- und Gedenksteinen ehren.
Befragt, was ihre Mitschüler von ihrem Projekt halten, berichteten sie über viel Zustimmung und Zuspruch. Rechtsradikale Tendenzen etwa hätten sie an ihrer Schule glücklicherweise nicht feststellen können. Eher schon mal – vereinzelt – unter anderen Gleichaltrigen. Dann müsse man sich, so die Drei unisono, argumentativ damit auseinandersetzen. Kommunikation sei das, was dann zählt. Um den Anderen zu überzeugen.

Ähnlich formulierte es Sophie Stöbe, 16 jährige Schülerin des Gymnasium Fabirtianum, die seit zwei Jahren als Praktikantin im Krefelder NS-Dokumentationszentrum tätig ist und dort an verschiedenen Projekten mitarbeitet. Sie betonte das Verantwortungsbewusstsein, an dieses Kapitel der deutschen Geschichte zu erinnern und weist die Befürchtung des Moderators, dass viele Jugendliche ihres Alters eher gleichgültig seien, entschieden zurück.

Am Ende des interessanten Gesprächabends waren sich die Beteiligten einig, dass es in der Erinnerungsarbeit heute nicht darum geht, Schuld abzuarbeiten, sondern Verantwortung zu übernehmen damit nie wieder Faschismus und Menschenfeindlichkeit in unserem Land die Oberhand gewinnen können.

Der Grüne Salon ist ein Gesprächsformat der Heinrich-Böll-Stiftung, in Krefeld organisiert durch die AG Grüner Salon Krefeld und in Kooperation mit dem Werkhaus e.V.

Die Ausstellung KULTUR IST TRUMPF wurde im Südbahnhof gezeigt im Rahmen des Partnerschaftsprojektes des Werkhaus e.V. „Spaltpilz und Schwedenbecher“.
Anlass waren 30 Jahr deutsche Einheit, 30 Jahre Kulturpartnerschaft Landkreis Oder Spree und Krefeld und 30 Jahre partnerschaftliche, bürgerschaftliche Verbindungen zwischen Landkreis Oder-Spree und Stadt Krefeld.

Teile diesen Beitrag (ggf. AdBlocker anhalten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.