Frei³ -Die Szene lebt!

Frei Drei Festival 2018 –  Zwischen Powerplay und Reduktion –  09. – 10.06.2018 im Südbahnhof

Krefeld war zum dritten Mal der Ort für ein Festival für frei improvisierte Musik. FREI DREI ist ein Resultat 10jähriger kontinuierlicher regionaler und internationaler Zusammenarbeit mit befreundeten MusikerInnen.

Das Frei Festival ist ein gewachsenes musikalisches Format für alle MusikerInnen aus Krefeld und den Nachbarstädten, die freie Improvisation spielen, erleben und von erfahrenen Dozenten lernen wollen. Das Besondere von FREI ist das Angebot an Workshops. Morgens und mittags werden Workshops geboten und am Abend spielen DozentInnen und TeilnehmerInnen gemeinsam im Konzert. Intermezzo-Konzerte ergänzen das Konzept.

Gerd Rieger ist der künstlerische Leiter des Festivals

Für alle Beteiligten gab es wieder viel Raum für Gespräche in einer entspannten und freundschaftlichen Atmosphäre. Schmackhafte Speisen und Getränke luden zum Genießen ein. Ein stringenter Zeitablauf gab ausreichend Raum für Arbeit und Freizeit. Der Verein Werkhaus e.V. war erneut Ausrichter und Veranstalter. Gefördert wurde das Festival über das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen über die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW. Viele TeilnehmerInnen halfen ehrenamtlich bei der Organisation und dem Ablauf, so dass FREI DREI ein lebendiges und fröhliches Treffen für erfahrungshungrige MusikerInnen wurde.

Worum ging es 2018?
Zwischen Powerplay und Reduktion. So hieß es in der Vorankündigung: „Wer kennt sie nicht, die Freude am freien Spiel? Übermütig, vielsagend, energetisch, manchmal chaotisch. Das kann elektrisieren, aufrütteln und großen Spaß bereiten. Powerplay war lange Zeit das Synonym freier Improvisation im Free Jazz. Das kann aber manchen Hörer verärgern. „Das ist mir zu chaotisch, geschwätzig, zu voll …“, geben Kritiker an. Es entwickelte sich eine Gegenströmung, die Intensität nicht durch Fülle erzeugen will, sondern durch Ausdünnung und Reduktion.

In einer Welt, in der das Leben undurchschaubarer und chaotischer geworden ist, wächst der Wunsch nach Stille und Sparsamkeit, nach Verlangsamung und Klarheit in der Musik. Dann entdecken Musiker und Publikum Neues und den Reichtum, der in kleinen Gesten liegt, einen Freiraum für individuelle Klangdramen durch die Konzentration auf das Wenige.
Das Festival FREI DREI will der Dialektik von Komplexität und Reduktion näherkommen. In den Workshops und Konzerten wird die Spannung zwischen den Polen verhandelt und musikalisch erarbeite.“

Alle DozentInnen  beschäftigten sich mit der Vorlage „Zwischen Powerplay und Reduktion“ und entwickelten eigene, ganz unterschiedliche Ideen zum Thema. Sie boten Texte, Spielmodelle und weiterführende Konzeptideen, die in den 2 Tagen erarbeitet wurden. Ungefähr 25 MusikerInnen hatten sich zu Beginn des Festivals im Krefelder Südbahnhof eingefunden.

Marei Seuthe (Cellistin, langjährige Erfahrung als Performerin in der freien Musikszene an der Schnittstelle von Neuer Musik und Improvisation) startete mit dem ersten Workshop. Der Titel: „Vom Klang der Stille“.

Man begann mit dem Lauschen in der städtischen Stille: Zwitschern der Vögel, vorbeifahrende Autos, Stimmen von Passanten, das Rauschen der Klimaanlage…. In verschiedenen Übungen wurden die individuell leisesten erzeugbaren Klänge gesucht und ausgetestet. Dabei war es Ziel, gleichzeitig alle umgebenden Klänge wahrzunehmen. Das führte zur Reduzierung der individuellen Aktivität. Die Regel wurde weiter zugespitzt und in den mehr und mehr reduzierten Sounds, Geräuschen und Klangmischungen hörte man durchsichtige Improvisationen mit kommunikativen Morsezeichen. In kleinen Gruppen sollte jede/r SpielerIn nur einen einmaligen Beitrag in einer Improvisation leisten und die übrige Gruppe kommentierte.

Schlussendlich wurden alle Regeln außer Kraft gesetzt und lediglich ein Zeitrahmen für das Spiel bestimmt. Die vorausgegangen Übungen schlugen sich hörbar nieder.

Zum zweiten Workshop am Nachmittag, den Christoph Irmer (London Improvisors Orchestra, Wuppertaler Improvisationsorchester, u.a.) leitete, war die TeilnehmerInnenanzahl noch einmal angewachsen. Hier war ein anderer Ansatz zu erleben:  Der Ausgangspunkt war Platons Phaidros-Dialog.

Darin berichtet Phaidros seinem Lehrer Sokrates von einem Vortrag des Lysias über die Liebe, der ihn sehr beeindruckt hatte. Der eifersüchtig gewordene Sokrates reagierte polemisch. Phaidros überredet Sokrates zu einem Ausflug ins Umland der Stadt, in die sog. Chora, und somit zu einer Veränderung seines gewohnten Bezugs- und Wahrnehmungsrahmens, was wiederum zu einer neuen Version der ursprünglichen Rede und einem Bewusstseinswandel führt.

Musikalisch schlug sich diese philosophisch-literarische Vorlage in verschiedenen Kollektivimprovisationen nieder: 1. Die Stadt, 2. Die Polis, wo jede Stimme gehört wird, 3.Die Rede des Lysias, 4. Die Verfremdung der Rede des Lysias durch Sokrates, 5. Die Reversion der Polemik, die „unaufgeblähte“ Aussage.

Die Stadien der Entwicklung des Dialoges wurden in den Improvisationen verdeutlicht. Dabei ging es immer um denselben „Text“ in abgewandelter Form: Rohform, entfernte Umgebung und neue Interpretation, übertriebene Fassung und kunstvoll, aber nicht aufgeblähtes Spiel.

Der Sonntagmorgen startete vokal mit Carl Bergstroem-Nielsen aus Dänemark (Polyinstrumentalist, seit vielen Jahren in der freien Musik tätig, unterrichtet „Intuitive Musik“ an der Universität Aalborg).

Zunächst wurden starke und schwache Statements unterschieden, dann verschiedene Rollen (Vorder- bzw. Hintergrund) im Ensemble und der Wechsel der Rollen ausprobiert. Im Publikumstest wurde überprüft, wann eine Improvisation nachvollziehbar und wann sie mit Material überfrachtet wirkt, bzw. die Hörer überfordert.  Auch wenn die Rezeption individuell verschieden ist, so ergaben sich einige richtungsweisende Erkenntnisse, die am Phänomen der Improvisation fest gemacht werden können. Fußend auf diesen Erfahrungen gewannen die folgenden Improvisationen an Balance –  zwischen Ruhe und Intensität, punktueller und ausformulierter Interaktion.

Einen weiteren Ansatz vermittelte am Nachmittag Scott Roller (Cellist, Komponist, Improvisator, Initiator von Open Music, Stuttgart). Er legte den Fokus auf das „Stück“, das in kleinen Ensembles entstand. Er empfahl den SpielerInnen ein Stück als gemeinsames Kind zu behandeln, das der Fürsorge bedarf.

Dies bedeutet, dass getroffene musikalische Aussagen ernst zu nehmen sind und damit weiter gearbeitet werden sollte, denn so entstehe Beziehung innerhalb der Musik. Das musikalische Motiv als Keimzelle gewinnt an Bedeutung. Ein daraus hervorgehendes weiteres Ziel war ein jeweils gemeinsam gestalteter Schluss. Diesbezüglich wurden in kleineren Ensembles mit mal engeren, mal weiter gefassten Regeln Erfahrungen gemacht.

Zwei Intermezzo Konzerte gaben Einblick in unterschiedliche aktuelle Improvisationskulturen. Am späten Nachmittag des Samstags spielte das Klangdrang-Orchester aus Köln unter der Leitung und dem Dirigat von Peter Wolf vor einem konzentrierten Publikum unter Beteiligung einiger der o.g. Dozenten.

Optisch wurden die MusikerInnen durch Bilder einer Kunstausstellung eingerahmt und von einer farbigen Lichtinstallation ausgeleuchtet. Das 15köpfige Orchester ließ sich von leisen bis zu  eruptiven Bewegungen dirigieren.

Konzentriert und abwechslungsreich, präzise und klar, überraschend und unterhaltend im besten Sinne erspielten sich die Musiker anhaltenden Applaus. Das Klangdrang Orchester zeigte seine vielfältigen musikalischen Ausdrucksfähigkeiten. Wolf dirigierte mit den Zeichen des Londoner Improvisations- Orchesters ergänzt durch eigene Gesten und Zeichen.

„Wasserlauf“ hieß das Konzept der Cellistin Anne Krickeberg und des Mundharmonikaspielers Dirk Friedrich. Anne Krickeberg hat sich intensiv mit meditativen Techniken beschäftigt und ihr einfühlsames Spiel gab genügend Raum für die kreativen Sounds der chromatischen Mundharmonika von Dirk Friedrich. Einzeln und gemeinsam versetzten sie die Zuhörer in eine aufmerksame Hörhaltung.

Friedrich nutze dabei ungewohnte Klänge, Geräusche und sein Stimme. Beide woben einen (Wasser-) Lauf durch verschiedene Landschaften, bergig, felsig, weich, abgründig, tief, mal plätschernd, mal eruptiv, immer konzentriert und aufmerksam, gemeinsam im musikalischen Dialog.

Die Abendkonzerte

Der Samstagabend wurde mit einem Konzert der Dozenten eröffnet. Anschließend spielten kleine  Formate, vom Duo und Trio bis zu größeren Gruppen.

Hier konnten die Zuhörenden erleben, welche Schönheit und Kraft in der Improvisation liegt. Spannende Momente, intensive Begegnungen, einfühlsames Konzertieren, powervolle Klänge und leise Phasen bildeten die Bandbreite der musikalischen Darbietungen. Es wurde deutlich, dass ausschließlich Powerplay allein nicht den Genuss eines Konzertes garantiert. Genausowenig würde eine meditative Musik der freien Improvisation gerecht. Gerade aus der Spannung von Powerplay und Reduktion entsteht das ästhetische, befriedigende Empfinden einer als schön empfundenen Musik.

Das Abschlusskonzert am Sonntag gab allen erneut die Chance auf der Bühne zu stehen und sich zu zeigen. In wechselnden kleinen Besetzungen ohne Zeitbegrenzung konnten die ZuhörerInnen hautnah erleben, welche Entwicklungen innerhalb der zwei Tage gemacht wurden.

In der inspirierenden Atmosphäre des Kulturzentrums Südbahnhof kamen alle BesucherInnen und DozentInnen  zu lebendigem Austausch von Gedanken und zu vielen Gelegenheiten musikalischen Spiels. MusikerInnen erhielten in FREI DREI wieder zahlreiche Anregungen und Informationen für ihre weitere Arbeit. In zwei Jahren ist FREI VIER im Südbahnhof geplant, auf das die TeilnehmerInnen sich wieder freuen dürfen.

Ein ganz herzliches Dankeschön an alle Förderer des Festivals

Conny Brüssel, Köln
Gerd Rieger, Krefeld

gefördert vom

Ministerium für Familie, Kinder, Jungend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

über

Bonusmaterial….

2 Replies to “Frei³ -Die Szene lebt!”

  1. Ich war dabei… sehr viele fähige Leute mit einer z.T. fantastischen Einfühlsamkeit gegenüber den MitSpielern, das Duo mit Cello und chromatischer Harp weit voraus.
    Schade, dass das Publikums- sowie das öffentliche Interesse zumeist sehr gering ist.

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